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Geschäftsbericht

2018 / 19

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2018 / 19

BayBG und Mittelstand

Rahmenbedingungen verbessern

Prof. Dr. Christoph Schmidt, langjähriger Vorsitzender des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Präsident des RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen, beschreibt in einem Gastbeitrag die zentralen Herausforderungen für den Mittelstand und Lösungsmöglichkeiten.

Im Rahmen unserer Bayerischen Mittelstandsgespräche im Juli 2019 diskutierten Peter Pauli und Prof. Christoph Schmidt über Perspektiven des Mittelstands. Prof. Schmidt war Keynote Speaker der Veranstaltung.

Der Mittelstand prägt die Strukturen der deutschen Wirtschaft in doppelter Hinsicht: Erstens leistet er unverzichtbare Beiträge zu Beschäftigung und Wirtschaftsleistung und wirkt als Anker der gesellschaftlichen Stabilität. Wenngleich seine Abgrenzung schwierig ist, sind Unternehmen des deutschen Mittelstands häufig eigentümergeführt, von überschaubarer Größe und regional verwurzelt. Nachhaltiges Denken und die Orientierung an ethischen Prinzipien sind oft für sie nicht das Ergebnis von abstrakten Theorien zur Unternehmensführung, sondern Teil ihres Selbstverständnisses.

In der Konsequenz richten sie typischerweise ihre Strategie langfristig aus und bauen enge Bindungen zu ihren Mitarbeitern, Kooperationspartnern und Kunden auf. Dies hat beispielsweise – neben anderen Faktoren – dazu beigetragen, dass der große wirtschaftliche Einbruch des Jahres 2009 – im Gegensatz zu anderen Volkswirtschaften – in Deutschland nicht zu einer massiven Entlassungswelle geführt hat. Mittelständische Unternehmen sind aufgrund ihrer ausgeprägten Dezentralität das lokale Rückgrat der hohen regionalen Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in unserem Land.

Zweitens sind Unternehmen des Mittelstands häufig ähnlich auf Märkten im Ausland erfolgreich, wie es anderenorts nur für größere Unternehmen und Konzerne der Fall ist. Nicht zuletzt deshalb ist Deutschland wie keine andere Volkswirtschaft in die internationale Arbeitsteilung eingebunden. Vor allem die viel beschworenen Hidden Champions aus dem Mittelstand haben die Möglichkeiten zur Spezialisierung genutzt, die sich durch die in den vergangenen Jahrzehnten voranschreitende weltweite Öffnung der Märkte, insbesondere durch die Erweiterung der Europäischen Union, ergeben haben.

In der Gesamtheit dienen deutsche Unternehmen als Ausrüster und Ermöglicher industrieller Aufholprozesse aufstrebender Volkswirtschaften. Dabei können sie nicht zuletzt auf den Stärken der deutschen Handwerkstradition und Ingenieurskunst sowie auf der Leistungsfähigkeit der hoch ausgebildeten deutschen Arbeitsbevölkerung und der regional diversifizierten Hochschullandschaft aufbauen. Zum Quell von Wertschöpfung und Beschäftigung werden mittelständische Unternehmen typischerweise dadurch, dass sie sich fortwährend in einem scharfen Wettbewerb durchsetzen müssen, der dadurch wiederum Innovation und Strukturwandel antreibt.

Doch zu Beginn des neuen Jahrzehnts muss man nüchtern feststellen: Auf uns warten neue große Herausforderungen. Insbesondere ist der wirtschaftliche Aufschwung, der die deutsche Volkswirtschaft durch das vergangene Jahrzehnt getragen hat, vorerst zu einem Ende gekommen. Insgesamt dürfen wir zwar zumindest in der nächsten Zeit noch moderates Wachstum erwarten; die im Aufschwung angestaute Überauslastung der Produktionskapazitäten wird dadurch gemindert. Doch während sich der Dienstleistungsbereich nach wie vor recht stabil entwickelt, befindet sich die Industrie bereits in einer Rezession – und damit nicht zuletzt der industrielle Mittelstand. So trifft der aktuelle Rückgang der weltweiten Nachfrage nach Ausrüstungsgütern die deutsche Wirtschaft in besonderem Maße. Zudem ist die Unsicherheit über die weiteren Entwicklungen groß: Sie wird von den ungelösten Handelskonflikten und der Unsicherheit über die konkrete Ausgestaltung des Brexit sowie der nationalen wie globalen Klimapolitik befeuert. Es wäre aber verfehlt, die aktuelle Abschwächung als rein zyklisch bedingt einzuordnen. Insofern sie strukturell bedingt ist und somit ein Strukturwandel ansteht, sind die deutschen Unternehmen auf eine Wirtschaftspolitik angewiesen, die ihnen den nötigen Freiraum für die notwendigen Anpassungsprozesse gewährt.

Eine zentrale strukturelle Herausforderung für das künftige Wirtschaftswachstum ist der demografische Wandel. Schon jetzt zeigen sich vielfach Engpässe bei den Fachkräften und stellen nicht zuletzt den Mittelstand vor erhebliche Probleme. Wenn in diesem Jahrzehnt die geburtenstarken Jahrgänge der 1950er- und 1960er-Jahre in den Ruhestand gehen, wird dieses Problem noch an Schärfe gewinnen. Gleichzeitig wird es auf dem Weg in die digitalisierte Wirtschaft nötig sein, Wertschöpfungsprozesse völlig umzustellen. Es gilt, vom Kunden her denkend neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, die physische Produkte mit den auf ihnen aufbauenden Dienstleistungen verknüpfen.

Vor diesem Hintergrund ist die Wirtschaftspolitik nun verstärkt gefordert, die Unternehmen und Arbeitnehmer auf diesem Weg zu begleiten, etwa indem sie die Befähigung der Arbeitsbevölkerung zum Strukturwandel fördert. Allerdings hat der zunehmende Wettbewerb aus aufstrebenden Volkswirtschaften wie China die dort verfolgte interventionistische Industriepolitik mehr und mehr ins Bewusstsein gerückt. Insbesondere mehren sich die Stimmen, die als Antwort darauf eine andere deutsche und europäische Industriepolitik fordern. Doch eine zielführende Industriepolitik muss hierzulande nicht erst erfunden werden. Denn bislang lag die Betonung – zumindest rhetorisch – auf der horizontalen Industriepolitik. Sie fördert unternehmerisches Handeln sektorunabhängig und beflügelt so den Strukturwandel und den innovativen Entdeckungsprozess. Jetzt werden allerdings verstärkt vertikale Eingriffe diskutiert, bei denen die Politik vermeintlich strategisch bedeutsame einzelne Technologien, Branchen oder gar Unternehmen identifiziert und gezielt fördert. Dieses Vorgehen läuft Gefahr, durch Partikularinteressen vereinnahmt zu werden und letztlich zu einer Konservierung vermachteter Strukturen zu führen, statt den Strukturwandel zu fördern. Der Mittelstand droht dabei unter die Räder zu geraten.

Die beste wirtschaftspolitische Antwort darauf ist aber nicht, nun zum Ausgleich mit direkt auf den Mittelstand zielenden Eingriffen einer „Mittelstandsstrategie“ zu reagieren. Vielmehr wäre es vorzuziehen, allgemein bessere Rahmenbedingungen für unternehmerisches Handeln und eine gute Infrastruktur bereitzustellen, die diskriminierungsfrei allen Akteuren gleichermaßen zugänglich ist. Verbesserungsoptionen gibt es zuhauf: Beispiele sind geringere Belastungen durch Steuern, Regulierungen und Bürokratie, ein flexibleres Arbeitszeitgesetz und die Konzentration auf einen CO2-Preis als Leitinstrument der Klimapolitik. Denn mittelständische Unternehmen sind stark genug, um in einem fairen Wettbewerb aus eigener Kraft zu bestehen. Man muss sie nur machen lassen.

 

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